Wir sind nun in Beppo angekommen. Hier haben sich die Bambus-Handwerker niedergelassen.
Takayuki Shimizu.
Takayuki Shimizu empfängt uns in seinem einstöckigen Haus, das in einen extrem steilen Hang hineingebaut ist. Auf einer Terrasse baut er sein eigenes Gemüse an, in seinen „Art pieces“ bezieht er sich gerne auf die Beobachtungen beim Wachsen seiner Pflanzen. Wichtig ist ihm der Ausgleich zwischen freier Arbeit und nach klaren Regeln konzipierten Gebrauchsstücken. Yoga und Fitness sind für ihn ebenso wichtig wie Sake und Soujou im Kreis von Freunden.

Bei Bambusarbeiten für den täglichen Gebrauch, wie bei Taschen, Tabletts, Untersetzern geht es in erster Linie um die Präzision der Arbeit nach den Regeln des Kogei = traditionelles Handwerk. Art Pieces dagegen folgern keinen Regeln, sind frei in ihren Formen und reflektieren Gedanken, Beobachtungen und Gefühle.

Takayuki, der gerne im Sommer in Frankreich arbeitet, um der extremen Schwüle in Beppu zu entgehen, wurde heuer zur renommierten Mingei Competition nach Paris eingeladen, ein Meilenstein für jeden Bambuskünstler.

Die Corona Zeit war für ihn zuerst ein großer Schock erzählt er uns. Aber dann war es eine Zeit, in der er sein bisheriges Leben reflektieren konnte, in aller Ruhe arbeiten konnte und so hat diese Zeit letztendlich die Chance eröffnet stärker zu sich selbst zu finden. Und wirklich, für sein Alter wirkt Takayuki sehr gelassen und gefestigt und strahle Empathie aus. Die Gedanken müssen irgendwann freigelassen werden, so lässt er seine Kunstobjekte weiterziehen.
Und spätestens nach dem Tod, so erzählt er uns, gehe die Seelen auf Wanderung, unterschiedlich gedacht in unterschiedlichen Kulturen, aber immer steht am Schluss eine Befreiung.

Im Erdgeschoß arbeitet gerade eine Schülerin von ihm. Als wir vom Obergeschoss zurückkehren können wir kurz sehen, wie aufwendig jeder einzelne Bearbeitungsschritt ist, wieviel Energie in jedes Stück fließt. Bei fertigen Arbeiten schaut alles so selbstverständlich aus, wahrscheinlich kann man dieses japanische Kunsthandwerk erst wirklich voll umfänglich begreifen, wenn man sich selbst daran abgearbeitet hat. Genauso wie man sich beim Schwierigkeitsgrad leicht verschätzen kann. Takayuki packt zur Demonstration aus einer extra angefertigten und mit Kalligrafie Zeichen beschrifteten Holzkiste eine in ein Tuch gewickelte große Schatulle aus, deren Musterung sich von einem Zentrum aus über die ganze Fläche ausbreitet. Zu unserem Erstaunen erklärt er uns, dass es sich eigentlich um das einfachste Grundmuster handelt, bei dem durch die Verwendung unterschiedlich breiter Bambusfasern dieser Effekt erzielt wird. Eine einfache, für einen Meister eher monotone Arbeit, aber wegen der Genauigkeit zeitaufwendig. Wieder ein Mosaiksteinchen, um das Kunsthandwerk besser zu verstehen.
Masato Takae Once.
Tief in den Bergen über Beppu, auf über 500 Metern Seehöhe, hat Takao vor 40 Jahren das Stück Land entdeckt und mit seinen Schülern darauf Blockhäuser zum Wohnen und Arbeiten errichtet.
Als Mitarbeiter einer Restaurantkette in Nagoya war im irgendwann klar geworden, dass ihm etwas ganz Entscheidendes zum Glück fehlte: die Zufriedenheit etwas Konkretes geschaffen zu haben. Von seiner Firma nach Beppu versetzt, glaubte er bald, das am ehesten als Bauer erreichen zu können. Eine Ernte einfahren verlangte aber erst danach, genug Kapital zu haben, um Land zu erwerben. Die Bamboo School in Beppu zeigte ihm dann eine Alternative auf und er wurde eine der großen Meister dieses Fachs.
Heute kommen viele junge Menschen zu ihm, die die Ausbildung an der berühmten Bambusschule in Beppu bereits abgeschlossen haben. Hier haben sie die Chance, die Feinheiten dieses Kunsthandwerks zu erlernen.

Masato empfängt uns mit wunderbarem grünem Tee und erklärt uns, dass Once = 11 seine Glückszahl ist. Daher auch der Namenszusatz Once aus dem Spanischen. Das klingt einfach schöner als eleven erklärt er uns. Der Klang des Namens ist ihm sehr wichtig. Auch Takayuki hatte schon von dem Zusammenhang zwischen Mund und Ohr gesprochen und wahrscheinlich geht es darum, diese feine Abstimmung der beiden Organe in einer Art Regelkreis als Beispiel dafür zu sehen, wie kunsthandwerkliche Tätigkeiten nur dann zum Erfolg führen werden, wenn Körper und Geist miteinander perfekt kommunizieren, wenn eine innere Balance hergestellt ist.
Masato ist berühmt für seine Bambustaschen, die oft, von der Struktur er Oberfläche an Krokodilleder erinnern und Kult in Japan sind. Seine 10 Mitarbeiter sind mit der Fertigung dieser Taschen, die unendlich viele Arbeitsschritte umfasst, voll ausgelastet. Diese Taschen haben ihren Wert und kosten immerhin ab 185 000,- Yen aufwärts.
Er selbst kreiert daneben Vasen und andere Dekorartikel. Wieder diese Art von Balance zwischen Kunsthandwerk und freiem Schaffen wie wir sie immer wieder bei Meistern finden. Unterschiedlich breite und dicke Bambusfasern werden virtuos miteinander verschlungen und mit Urushi veredelt. Weiß man einmal welchen Aufwand er dafür betreibt begreift man erst, was wahre Meisterschaft bedeutet.
Auch Masato bestellt seinen eigenen Garten, überall sieht man Solarpanele, Autarkie scheint für ihn sehr wichtig zu sein. Sein Bambus kauft er in der Umgebung. Zwischen dem Erscheinen der ersten Sprossen im Frühlingsboden und der Ernte liegen nur 4 Monate, dann sind die Stangen 10 Meter hoch und je ca. 50 Kilo schwer gewachsen. Nur die Stangen vom zweiten, dritten und vierten Jahr können verarbeitet werden, alles danach ist zu hart und spröde für seine Zwecke.

Sein Lager ist nach Jahrgängen und Durchmessern geordnet, die Stangen wurden vorher gekocht und entölt, eine äußerst anstrengende Handarbeit. Der Durchmesser ist entscheidend für die Teilung mit einem Spleiß Werkzeug, genannt Chrysantheme. Bis zu 16 Rohlinge können so bei einem Spleiß Vorgang produziert werden. Diese Rohlinge werden wieder und wieder gespalten und schließlich durch Messer gezogen, bis die flache dünne Faser für die Flechtwerke fertig ist.
